Red Bull Crashed Ice: Weltmeister Martin Niefnecker hofft auf mehr deutsche Fahrer

Martin Niefnacker, Ice Cross Downhill (c)Erich Hirsch

Downhill-Faher Martin Niefnecker aus dem Wintersportort Garmisch-Partenkirchen ist das Aushängeschild in der deutschen Ice Cross Downhill-Szene. 2010 gewann der damals 19-Jährige die erstmalig ausgetragene Weltmeisterschaft. Beim Auftaktrennen in München legte Niefnecker mit einem umjubelten Sieg vor 50.000 Besuchern im Olympiapark den Grundstein für seinen WM-Titel.

Sechs Jahre später mischt der Garmischer weiter in der Weltspitze mit. München, das zum dritten Mal Austragungsort der Red Bull Crashed Ice-WM sein durfte, lag Niefnecker zu Füßen. 16.000 Fans lockte der Garmischer diesmal in den Olympiapark, die atemberaubenden Downhill-Sport geboten bekamen. Für den Lokalmatador reichte es zwar nicht für die Spitzenplätze (Platz 31), dennoch zieht er ein positives Fazit über die Veranstaltung in der bayerischen Landeshauptstadt. Ich habe mich mit Niefnecker nach dem Rennen unterhalten.

2010 haben Sie die Tour in München gewonnen und sind 2010 Weltmeister geworden. Wie kann man die Strecken von damals und heute vergleichen?

Die Strecken sind total unterschiedlich. 2010 war der Track lächerlich einfach. Was wir heute erlebt haben, war gewaltig. Die Fahrer haben lange getüftelt, wie sie am Besten mit der 370 Meter langen Strecke zurechtkommen. Es sind Geschwindigkeiten erreicht worden, die wir bisher überhaupt noch nicht gefahren sind. 80 km/h, ich kann mich an kein Rennen erinnern, wo wir über 60 km/h schnell unterwegs waren. Ich war mir heute nicht mehr sicher, ob ich den Speed noch kontrollieren kann. Dazu kam ein 20 Meter-Sprung, das war schon sehr grenzwertig.

Sie waren mit ihrer Leistung (Platz 31) vor heimischen Publikum nicht zufrieden, verletzten sich davor leicht im Training und gingen geschwächt mit leichter Grippe in den Wettkampf. Sehr enttäuscht?

Einen Sieg zu wiederholen wie 2010 ist schon sehr schwer. Allerdings habe ich mir schon Chancen auf ein Halb- oder Viertelfinale ausgerechnet. Die leichte Blessur soll keine Ausrede für die gezeigte Leistung sein. Ich bin keiner, der ein Rennen auf eine Verletzung schiebt. Wenn ich verletzt bin, fahre ich nicht, andernfalls geht es halt nicht. Wenn man heute unter den letzten 32 Fahrer im Feld steht, kommt man nicht einfach ins Viertelfinale so wie damals noch für sechs Jahren. Mein Heat mit Scott Croxall (Weltmeister 2015), der hier Zweiter wurde und Adam Horst, der auch ein ganz hervorragender Fahrer ist, war sicher kein Leichtes. Wenn man vorne mitmischen will, muss man aber jeden besiegen. Die Fahrerqualität ist heute wesentlich höher als noch vor sechs Jahren. Wenn ein Fahrer einen Fehler begeht, fährt er dem Feld hinterher. Die Konkurrenten haben heute keine Fehler gemacht und dann ist es unmöglich, nochmal ranzukommen.

Wie empfanden Sie die Atmosphäre im Olympiapark?

Die Stimmung der 16.000 Fans war überragend. Es ist natürlich schade, vor heimischen Publikum nicht weiter vorne zu sein. Ich hätte ehrlich gesagt gar nicht geglaubt, dass es so ein tolles Event wird. Wenn man die Rennen mit Kanada und USA vergleicht, dort gibt es wesentlich mehr Zuschauer bei den Wettkämpfen. Da pilgern oft 100.000 Zuschauer an die Strecken. Ich bin aber froh, dass wir 16.000 Fans anlocken konnten. Es wäre sehr erfreulich, wenn wir diese Sportart in Deutschland stärker etablieren können.

Martin Niefnecker_Fabian Mels (c)Erich Hirsch

Mit Fabian Mels (Elfter) und dir gibt es zwei große Aushängeschilder in Deutschland. Wie kann man denn den Sport weiter populärer machen?

Vor dem München-Gastspiel haben wir viele Pressearbeiten erledigt. Es ist wichtig, den Leute Infos zu geben, was sich bei uns tut, was in der Szene los ist. Die Organisatoren haben den Riders Cup ins Leben gerufen, eine Amateur-Serie zwischen den Weltcup-Rennen, die für jedermann zugänglich ist. Ich hoffe, dass wir im nächsten Jahr diese Amateur-Serie auch nach Deutschland holen. Mit dem Riders Cup können Interessierte diese Sportart ausprobieren. In Deutschland hat das Downhill-Fahren Riesenpotential. Weitere deutschen Fahrer wie Lukas Schwinghammer und Andreas Wirnstl aus Surheim haben heute ihr Können schon bewiesen, sie werden eines Tages auch in einem Viertelfinale stehen.

Zur Steigerung der Popularität nutze ich die Sozialen Medien wie Facebook und Instagram, um jungen Leute für die Sportart zu begeistern. Wir sind in der Szene um jeden deutschen Fahrer froh, der zu uns kommt. In Deutschland schlummern einige Talente, die von ihrem Glück noch gar nichts wissen.

Wie ist die Resonanz in deiner Heimatstadt Garmisch-Partenkirchen?

Es ist sehr schade, dass wir als Randsportart nicht so wahrgenommen und unterstützt werden. Die Aufmerksamkeit gehört ganz klar dem Skisport, Biathlon oder Eishockey. Da haben wir großartige Sportler wie Felix Neureuther. Es wäre jedoch auch für uns einfacher, wenn wir von der Gemeinde mehr Unterstützung bekämen.

Gibt es aus deiner Heimat noch weitere vielversprechende Talente?

Thomas Stanglmaier aus Murnau, übrigens ein guter Freund von mir, war für München gemeldet. Leider hat er sich im Training die Schulter ausgekugelt und konnte daher nicht mehr an den Start gehen. Florian Reindl, ein früherer Eishockeyspieler, hat ebenfalls Talent dafür. Es gibt, wie gesagt, schon einige Fahrer, die von ihrem Talent noch gar nichts wissen, die unserem Sport nach vorne pushen könnten.

RedBull Crashed Ice in München (c)Erich Hirsch

Welche Unterschiede gibt es zu den Rennen in den USA, Kanada und Finnland?

Die Downhillfahrer kommen vorwiegend aus dem Eishockeysport. In diesen drei Ländern ist der Eishockeysport sehr populär. Bei uns zählt nur der Fußball, Eishockey gehört fast schon zu einer Randsportart. Und da ist es noch schwieriger, unsere Sportart den Leuten schmackhaft zu machen.

Ist es für Sie leichter, in den USA oder Kanada gegen die Weltelite zu fahren?

Das ist eine gute Frage. Einerseits ist es vor heimischen Publikum ein enormer Ansporn, da man einfach eine gute Leistung den Fans bieten möchte. Auf der anderen Seite ist die Enttäuschung groß, wenn die Leistung nicht stimmt. In Kanada oder USA gehe ich ohne Druck an den Start. Keiner erwartet etwas von mir, das Interesse ist eher gering, mit Ausnahme der Familienangehörigen, die vor dem Fernseher sitzen. In Kanada sind die Rennen schon anders. In Quebec ist es für mich immer gut gelaufen, ich weiß, ehrlich gesagt auch nicht, warum. Die Strecke liegt mir einfach, selbst wenn jedes Jahr das Streckenprofil verändert wird.

Mir ist aufgefallen, dass unter den Athleten eine sehr gute Kameradschaft herrscht. Von Rivalität keine Spur?

Ich komme aus dem Skisport und vom Eishockey, die Kameradschaft unter den Downhill-Fahrern ist dort wirklich am Besten. Im Zielhang gratuliert Jeder dem Anderen, abseits der Strecke unternehmen wir viel gemeinsam und haben viel Spaß miteinander. Wir verbringen in den Wettkampfmonaten viel Zeit miteinander auf engstem Raum. Da sind wir alle gute Freunde. Sobald wir aber im Starthaus stehen, ist die Freundschaft vorbei. Jeder will gewinnen, das gehört einfach zum Sport dazu.

Niefnecker und seine Konkurrenten entspannt im Ziel (c)Erich Hirsch

Wie laufen eigentlich die Vorbereitungen eines Downhillfahrers?

Im Sommer bin ich viel mit dem Rad unterwegs, auch viel Ausdauertraining ist angesagt. Ich war in Indoor-Parks mit Inline-Skates unterwegs. In Garmisch war ich beim Skifahren, allerdings wegen des schneearmen Winters sehr eingeschränkt.

Wie schwierig ist es für Sie, Sport und Beruf zu vereinbaren?

Es ist mit Sicherheit schwierig, Beides zu vereinbaren. Die Sportart ist noch nicht so professionell, dass ich davon leben kann. Ich bin nicht unabhängig zu entscheiden, wann ich trainiere oder wann ich in ein Trainingslager reise. Besonders in Deutschland haben wir auf diesem Gebiet Nachholbedarf. In Kanada und USA sind die Athleten schon viel weiter. Ohne potentiellen Sponsor kann man nicht auf diesem hohen Niveau fahren. Wenn man einen 10-Stunden Arbeitstag ausübt so wie ich und danach erst ins Training einsteigen kann, wird es fast unmöglich, mit der Weltelite mitzuhalten.

Abschließende Frage: Gibt es in Deutschland weitere Locations, wo Sie gerne fahren würden?

 Vor zwei Jahren haben wir uns bereits nach anderen Orten umgesehen. Würzburg fand ich sehr cool. Heidelberg mit dem Schloss wäre einer der besten Locations, die ich jemals gesehen habe. Allerdings klappte das nicht wegen zahlreicher Auflagen. Natürlich wäre ein Track in meiner Heimatstadt Garmisch-Partenkirchen ziemlich cool. Unser Wintersportort befindet sich in den Bergen. Ich glaube allerdings, dass Garmisch ein zu kleines Einzugsgebiet für ein Event wäre.

 

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