FSG 2015: Die Leidenschaft des Audi-Jurors Michael Kerber

Auf der Autocrossstrecke_FSG15 (c)Erich Hirsch

Studententeams aus der ganzen Welt bauen in Eigenregie einen ein-sitzigen Formelrennwagen, um damit bei einem Wettbewerb gegen Teams aus der ganzen Welt anzutreten. Das ist die Formula Student Germany, kurz FSG. Jedes Jahr treffen sich Anfang August in Formel 1-Atmosphäre rund 3.800 Studierende aus allen Herren Länder am Hockenheimring, die ihr Können und ihre Leidenschaft für die Technik in diesem prestigeträchtigen Wettbewerb zeigen.

„Der Ingenieursnachwuchs soll mit diesem Event nachhaltig gefördert werden“, so das einhellige Credo des Veranstalters VDI. Unter den strengen Augen der rund 100 Juroren, den Judges, wetteifern die 110 Teams um den Sieg in der Formula Student Combustion (FSC), dem traditionellen Wettbewerb mit Verbrennungsmotoren, und in der Formula Student Electric (FSE), in der die Studierenden rein auf Elektromotoren setzen. Elektromotoren erfreuen sich steigender Beliebtheit, wie man an der Premierensaison der Formel E sieht.

Die Judges prüfen, beurteilen und sichten in acht Disziplinen die Ingenieure von morgen. Einer der Judges ist Michael Kerber. In Neckarsulm leitet der studierte Fahrzeugtechniker bei Audi quattro die Sparte Fahrzeugentwicklung. Der 58-Jährige hat Benzin im Blut, ist rennsportverrückt, wie er selbst von sich sagt.

Michael Kerber, Audi (c)Facebook/Audi Karriere

Seit neun Jahren zählt er zu den Judges. Seine Motivation findet der Audi-Fahrwerksspezialist in der Jugend: „Es ist wie Weihnachten, wenn wir uns einmal im Jahr hier treffen. Man ist gleich von 0 auf 100. Man versteht sich sofort, spricht die gleiche Sprache. Was uns hier verbindet, ist die Leidenschaft für die Technik und für die Autos. Aber es motiviert auch, sich mit der Jugend weiter zu entwickeln, die Zukunft mitzugestalten, um denen auf den Weg zu helfen. Das ist uns allen gemein.“

FSG Ingolstadt_(c)Erich Hirsch

Kerber’s Fachwissen ist in der Szene gefragt. Im Bereich Fahrwerk, Vehicle Dynamics (wie fährt das Auto, welche Veränderung sind machbar, welche Parameteranpassung gibt es), Vehicle Performance und Chassis kennt er sich aus. Kein Wunder, dass Kerber mittlerweile als Einsatzleiter bei der FSG eingesetzt wird. „Wir leiten die Judges in Gruppen. Es geht darum, die Studenten neutral und respektvoll zu befragen und zu beurteilen“, sagt er.
Für den Audi-Judge steht der Spassfaktor an erster Stelle. Beide Seiten sollen den größtmöglichen Nutzen aus der Befragung ziehen. Besonders spannend wird es für Kerber und seine Kollegen, wenn die Fragerunde tiefer in die Materie geht. „Da geht es um bestimmte Szenarien auf der Rennstrecke, die sich ereignen können. Wie reagieren die Studenten, welche Werkzeuge kommen zum Einsatz“, wird Kerber neugierig.

Auf die Frage, ob Frau oder Mann den erfahrenen Judge noch ein X für ein Y vormachen kann, winkt er ab. „Gerne. Mein Credo lautet immer: Ich bin hier, um von Euch zu lernen. Mir macht es richtig Spass, wenn ich von den Studierenden die Antwort auf meine Frage nicht mehr verstehe. Dann werde ich neugierig. Dann will ich von Ihnen lernen. Am Campingplatz bei Bier, großer Burgerpfanne und lauter Musik setze ich mich mit den Teilnehmern zusammen. Dann klappen die Studenten das Laptop auf und nehmen Papier oder Servietten zur Hand. Sie malen die Kinematik und diskutieren mit mir, wie sie die Dinge sehen und wie wir es machen. Da lerne ich gerne dazu. Ich lerne die Studenten näher kennen, was sie draufhaben und wie gut sie sich in der Materie auskennen. Wenn ein paar Studenten dabei sind, denen ich nicht mehr richtig folgen kann, schicke ich Sie zu unseren Audi-Projektleiter Tobias Becker“. Ein Job bei Audi ist Ihnen so gut wie sicher.

Formula Student Germany 2015- Eindhoven (c)Erich Hirsch

Der Kontakt zur Jugend sei ihm wichtig. Die Neugier, neue Ideen vom Ingenieursnachwuchs zu entdecken oder zu entwickeln, hat Kerber nie verlassen. „Es ist etwas anderes, mit meinem gelernten alten Wissen mir Gedanken über die Zukunft zu machen oder ob ich einen 22-Jährigen frage, wie er die Dinge sieht und wie er die Probleme lösen würde Ich finde das superspannend“, erzählt Kerber mit leuchtenden Augen.

Dabei ist das Niveau in den letzten Jahren stetig gewachsen. „Die ersten Jahre waren für mich ganz neu. Es hat mich glatt umgehauen, was ich hier so alles gesehen habe. Bis 2007 hat sich das Niveau kontnuierlich gesteigert. Das Jahr 2009 war dagegen granatenschlecht. Der Grund lag daran, so meine persönliche Einschätzung, dass die Studenten begonnen haben, sich mehr auf den Wettbewerb zu versteifen und zu versuchen, diesen Event irgendwie zu gewinnen. Das Event macht aber aus, sich auf seine technischen Fähigkeiten zu konzentrieren. Die Quittung folgte prompt. Sie sind schlecht beurteilt worden. Es gab viele, lange, enttäuschte Gesichter und von uns die klare Botschaft, dass Sie sich mehr anstrengen müssen. 2014 war das Event auf ein sehr hohem Niveau, genauso wie in diesem Jahr.“

FSG15_(c)Erich Hirsch

Laut Kerber spielt Sponsoren-Geld bei den Teams eine untergeordnete Rolle.  „Wenn ich die Engineering-Leistung bewerte, spielt Geld keine Rolle. Wissen kann ich nicht mit Geld kaufen. Ich muss Interesse zeigen, Talent haben und hart arbeiten, das Wissen mir anzueignen. Dieser Teil interessiert uns bei Audi am Stärksten, das Rennfahren ist mehr der Anreiz für die Studenten. Uns ist es völlig egal, welches Auto gewinnt. Für uns ist der Anreiz, wie gut können die Studenten mit dem, was sie an den Autos gelernt haben, umsetzen. Wie gut können sie ihr Wissen einsetzen, um Probleme zu lösen, um neue Technologien sich auszudenken. Wie die Autos gemacht werden, da spielt Geld natürlich eine Rolle.“

Im Motorsport gehört es inzwischen zum guten Ton, dass weibliche Ingenieure für die Erfolge mitverantwortlich zeichnen.Bekanntes Beispiel ist die Britin Leena Gade, die als erste Renningenieurin mit Audi die 24 Stunden von Le Mans gewann. Ein Klassiker in der Motorsportszene. Für Kerber gibt es noch viel zu wenige Frauen in diesen spannenden Beruf. „Ich sage den Teams immer, macht Werbung für die Frauen. Es macht die Sache viel spannender. Die Frauen gehen anders an die Sache heran. Innerhalb der Teams wird kein Unterschied gemacht, ob Frau oder Mann. Sowohl was das Geschlecht als auch die Herkunft betrifft, habe ich noch nie den Eindruck gehabt, dass das ansatzweise eine Rolle spielt. Es zählt nur, was die Einzelne kann und welchen Beitrag sie leistet.“

Abschließend hake ich nach, was die Formula Student Germany so besonders macht im direkten Vergleich zu ähnlichen Events in England oder Italien. „Hierher wollen Alle. Wer die FSG in Hockenheim gewonnen hat, kann damit Werbung machen. Die anderen Events sind auch schön, hier ist aber die inoffizielle Studentenweltmeisterschaft“, so der Juror mit breiter Brust.

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